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Einführung in das Projekt

Erster Eintrag meines neuen Blogs. Nonverbale Quellen in der Religionswissenschaft

Ein Zugang zu nonverbalen Quellen in der Religionswissenschaft

Auch in diesem Semester (SoSe 2013) fand an der Universität Frankfurt wieder unter meiner Leitung eine Übung zur Praktischen Religionswissenschaft statt. Nach der Ausstellung „Wie klingt Religion[1]“, der Übung: Was is(s)t Religion und der Entstehung des Blogs: „Die Bedeutung der Beschneidungsdebatte für die praktische Religionswissenschaft[2]“, fand die Übung dieses Mal unter dem Titel: „Der Umgang mit nonverbalen Quellen in der praktischen Religionswissenschaft“, statt.

Unser Interesse an diesen nonverbalen Quellen rührt daher, dass in der praktischen bzw. angewandten Religionswissenschaft, nonverbale Quellen eine immer größere Rolle spielen. Das Erkenntnisinteresse dieser Forschungsrichtung zielt nicht nur auf eine Texthermeneutik, sondern auch auf eine Lebenshermeneutik, die sich beispielsweise an musikalischen und bildnerischen Erscheinungsformen von Religion und verstärkt auch wieder am religiösen Erleben der Menschen orientiert.

Im Laufe des Semester kristallisierte sich dann bei den Studierenden das Interesse an gottesdienstbezogenen Klangerlebnissen von Gläubigen heraus. Da die Gruppe zu klein war, um ein…

Ursprünglichen Post anzeigen 385 weitere Wörter

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REMID (Religionswissenschaftlicher Medien und Informationsdienst) zur Beschneidungsdebatte

REMID hat gerade ein tolles Interview zur Beschneidungsdebatte mit dem Philosophen Robert Stephanus veröffentlicht. Dies wollen natürlich nicht vorenthalten – deswegen hier der Link.

http://www.remid.de/blog/2013/06/beschneidungsdebatte-auf-beiden-seiten-durch-heftige-polemik-gekennzeichnet/

Eine Ethnologische Perspektive auf die Beschneidung

In der Übung haben wir uns am Rande auch mit der weiblichen Beschneidung auseinandergesetzt. Drei Jahre vor der Debatte um die Jungenbeschneidung kam der Film ,,Wüstenblume“ 2009 in die Kinos und die ethnische Mädchenbeschneidung ein öffentliches Thema. 

Interview von Naeem Ahmed Sheikh mit Professor Dr. Kohl. 

Professor Kohl, die Religionswissenschaft hat sich aus der Beschneidungsdebatte komplett herausgehalten. Daher versuchen wir uns jetzt in kleinem Rahmen zu beteiligen. Warum ist eine Positionierung zu diesem Thema so schwierig?                                                                                                                       

Karl-Heinz Kohl: Das ist eine ganz schwierige Sache, da sich hier zwei Grundsätze in der Charta der Menschenrechte und dem Grundgesetz gegenseitig schneiden und blockieren. Der eine Grundsatz garantiert die Religionsfreiheit. Religionen müssen die Freiheit haben, am Körper derjenigen, die sich zu ihnen bekennen, Zeichen oder Markierungen vornehmen zu können. Der andere Grundsatz garantiert das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Ich möchte diese Frage nicht entscheiden.

Die aktuelle Beschneidungsdebatte dreht sich ja hauptsächlich um die Jungenbeschneidung. Ist es üblich, dass in Gesellschaften, in denen die Beschneidung existiert, nur eines der beiden Geschlechter beschnitten wird?                                                                                                         

Kohl: Das kommt auf den Fall an. Es gibt viele Gesellschaften, in denen beide Geschlechter beschnitten werden, aber auch solche, in denen nur die Männer beschnitten werden.                                                                      

Warum ist die Debatte über Jungenbeschneidung gerade in Deutschland entstanden?

Kohl: Meines Wissens nach wird diese Debatte bisweilen auch in anderen Ländern geführt, aber nie in dieser Härte. Dass die Diskussion jetzt ausgelöst worden ist, hat meiner Meinung nach mit der vorangegangenen Kampagne gegen die ,,Weibliche Genitalverstümmelung“ zu tun. Das ist nicht so, dass da kein Zusammenhang wäre. Des Weiteren hat das jetzt auch mit dem Wechsel des Männchlichkeitsbildes zu tun. Das hat man früher einfach so hingenommen, im Sinne von: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Mädchen dürfen weinen, Jungen nicht. Aufgrund unserer stereotypisierten Geschlechterrollen wird so etwas wie die Mädchenbeschneidung mit sehr viel mehr Empathie und Mitleid verfolgt, als wenn es kleinen Jungen passiert. Aber da hat sich auch bei uns in den letzten dreißig Jahren ein grundlegender Wandel ergeben. Bisher sagte man immer nur: ,,die armen Mädchen“ –natürlich völlig zu Recht. Aber jetzt muss man auch sagen: ,,die armen Jungen“.

Die Jungenbeschneidung wurde also bislang bagatellisiert, während die Mädchenbeschneidung als ,,Verstümmelung“ verschrien wird?                                                

Kohl: In dem Sinne ist ja auch die männliche Beschneidung eine Verstümmelung.

Ist die männliche mit der weiblichen Beschneidung vergleichbar?                                   

Kohl: Man kann beide natürlich aufeinander beziehen, aber es gibt einfach noch einmal eine qualitative Differenz zwischen der weiblichen Beschneidung und der männlichen Beschneidung, welche darin besteht, dass dort, wo die vollständige Klitoridektomie vorgenommen wird, tatsächlich auch das Lustempfinden in einer doch sehr brutalen Weise beseitigt oder zumindest eingeschränkt wird. Das ist bei der männlichen Beschneidung nicht der Fall. Auf der anderen Seite wird in den Debatten über die Klitoridektomie auch sehr häufig übersehen, dass die ganz große, meinetwegen ,pharaonische Beschneidung‘, bei der nicht nur die Klitoris, sondern auch noch die inneren Schamlippen entfernt werden, Extremfälle sind. Ferner wird übersehen, dass es auch sehr ,,milde“ Formen der Beschneidung gibt, wenn beispielsweise ,,nur“ in die innere Schamlippe eingeritzt wird oder wenn die Klitorisvorhaut entfernt wird wie die Vorhaut beim Mann. Es ist etwas ungleichgewichtig in der Diskussion, dass man die weibliche Beschneidung, weil es bei ihr natürlich auch diese extremen Formen gibt, als so viel härter und brutaler ansieht als die männliche Beschneidung. Aber ich glaube, was die weniger radikalen Beschneidungsformen anbelangt, gibt es sicherlich nicht viel her, ob es sich um eine weibliche oder eine männliche Beschneidung handelt.

Welche Theorien zur Beschneidung gibt es in der Ethnologie?                                                                   

Kohl: Zum einen gibt es da die klassische ethno-psychoanalytische Beschneidungstheorie nach Bruno Bettelheim. Diese besagt, dass man durch die Beschneidung die Geschlechter eindeutig macht, indem man die Teile entfernt, die an das andere Geschlecht erinnern. Das ist bei den Männern die Vorhaut und bei den Frauen die Klitoris. Durch die Beschneidung erhält dann der bzw. die Initiant/in den vollen Status als Erwachsene/r. Zum anderen hat der Schweizer Ethnologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim darauf hingewiesen, dass die Beschneidung, wenn sie in der Phase der Adoleszenz erfolgt, eine Form der Zurichtung ist, der Disziplinierung. Dazu gehören dann die zahlreichen schmerzhaften Aspekte. Diese sind eine Mahnung dafür, was passiert, wenn man sich nicht an die Regeln der entsprechenden Gesellschaft hält. Und das lässt sich sehr gut beobachten, nicht nur bei der männlichen Beschneidung, sondern auch bei der weiblichen Beschneidung. Denn in der aktuellen feministischen Diskussion wird häufig übersehen, dass die Beschneidung nicht von den Männern an den Frauen vorgenommen wird. Es sind die alten Frauen, die die jungen Frauen beschneiden, die ihrerseits bereits von Frauen beschnitten worden sind. Viele Gesellschaften sind eben separiert in einen weiblichen und einen männlichen Teil. Es wäre also falsch hier von einer Unterdrückung der Frauen durch die Männer zu sprechen. In diesem Fall sind es die Frauen, die die Frauen unterdrücken und die Männer, die die Männer unterdrücken. In beiden Fällen ist es mit großen Schmerzen und großen Ängsten verbunden. Wenn man jetzt einmal von dem Zurichtungscharakter der Beschneidung absieht, dann hat die Beschneidung eine ganz wichtige Funktion, die darin besteht, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft lebenslang zu markieren. Bei der Beschneidung handelt es sich also um einen klassischen Initiationsritus. Diese Initiation spricht natürlich wieder für die Beschneidung, die in einem Alter stattfindet, in der man sich willentlich für eine Religion entscheiden kann. Damit würde man aber die frühe Beschneidung ausschließen. Aber, wie gesagt: Meine Aussagen gelten nur für die Beschneidungsformen, die in der Adoleszenzphase stattfinden. 

Ich sprach eingangs von den Problemen der Religionswissenschaftler sich passend in die Debatte einzuschalten. Wie befassen sich denn Ethnologen mit derart heiklen Themen wie der Beschneidung. Geht man rein deskriptiv vor oder bewertet man?                                                                               

Kohl: Aus klassisch ethnologischer Sicht dürfte man überhaupt nicht werten. Man dürfte sich in die Beschneidungspraktiken in keiner Weise einmischen. Der Kulturrelativismus verpflichtet einen gewissermaßen zu Neutralität. Man muss aber auch sehen, dass der Schmerz und der soziale Zurichtungsmechanismus bei der Genitalbeschneidung offensichtlich sind. Aber auch wir haben solche Zurichtungsmechanismen in unserer Gesellschaft, die sehr viel subtiler sind und weit mehr auf eine Formung der Psyche angelegt sind. Es wird mit Druck und Drohung gearbeitet, die in ihren Folgen nicht weniger traumatisch sein können. Hier hätte man wiederum eine andere Äquivalente: die körperliche Zurichtung und die seelische Zurichtung. Da kann man sich auch fragen, welche der beiden Formen nun die Schlimmere sei.

Professor Kohl, ich bedanke mich für Ihre Zeit und einige interessante Anregungen. 

Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl lehrt Ethnologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Erste Reaktionen in der Beschneidungsdebatte

Nach dem Urteil des Kölner Landgerichts gab es eine große Anzahl von Meinungen und Stellungnahmen. Dieser Artikel versucht die wichtigsten unmittelbaren Reaktionen darzulegen.

Erst einmal möchte ich exemplarisch für alle Religionen die vom so genannten Beschneidungsurteil betroffen sind, die Reaktionen vom Zentralrat der Juden und dem Zentralrat der Muslime Deutschland e.V. (ZMD) aufzeigen. Der Zentralrat der Juden sieht das Urteil als einen „dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionen“[1] Sie bemängeln, dass das Landgericht in Köln, die religiöse Beschneidung von Jungen als Körperverletzung einstuft. Sie fordern, in einer ersten Reaktion nach dem Urteil, den deutschen Bundestag dazu auf, die „Religionsfreiheit vor Angriffen zu schützen“[2]. Des Weiteren verliehen sie dieser Reaktion Nachdruck, in dem sie klar erläuterten wie die Beschneidung im Judentum geregelt ist (vgl. Beschneidung im Judentum und Islam).

Eine ähnliche Reaktion kam auch vom Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. (ZMD), der aber nicht als Vertretung für alle Muslime in Deutschland angesehen werden darf. Sie  sehen einen starken Eingriff in die Religionsfreiheit und stimmen dem Zentralrat der Juden in deren Ausführungen zu. Des Weiteren bringt der ZMD weitere Argumente ein, die nichts mit der Religion und der Tradition zu tun haben. Sie verwiesen auf eine „erhebliche Zunahme der Rechtsunsicherheit für alle Beteiligten.“[3] Ein weiteres Argument im rechtlichen Sinne, wird durch das Elternrecht eingebracht. Dies wird in der ersten Pressemitteilung nicht näher beleuchtet. Um die Argumentation des ZMD abzuschließen, verweisen sie als letzten Punkt auf die Vorteil der Gesundheit nach einer Beschneidung.

„Darüber hinaus ist es wissenschaftlich erwiesen, dass eine medizinisch fachgerechte Zirkumzision nur Vorteile für die Kinder und spätere Erwachsene mit sich bringt.“ [4]

Eine Anmerkung zu den Pressemitteilungen, die die ersten Reaktionen auf das Urteil und damit als Diskussionsgrundlage dienten, sei mir gestattet: Diese Pressemitteilungen sind sehr klein ausgefallen und wenig ausgeführt. Beide verweisen in wenigen Worten auf viele Argumente, die nicht näher erläutert werden und lassen viele Punkte aus dem Urteil offen und unkommentiert (vgl. Kölner Urteil).

Eine weitere Reaktion auf das sogenannte Beschneidungsurteil ist für die Debatte von entscheidender Bedeutung, nämlich die Reaktion der Bundesregierung. Viele forderten von der Bundesregierung zu handeln und ein Gesetz auf den Weg zu bringen. Die Bundesregierung reagierte mit einer Erklärung am 29.Juni 2012 und kündigte ein gefordertes Gesetz an. Vorher wurde der aktuelle Sachverhalt detailliert zusammengefasst. Dabei wurde von Seiten der Bundesregierung versucht die wogen zu glätten und zu beruhigen. In dieser Reaktion heißt es:

„Hinzu kommt, dass das LG Köln bei der fachgerechten Zirkumzision durch einen Arzt ausdrücklich den Tatbestand einer gefährlichen Körperverletzung (§224 StGB) verneint hat“

Des Weiteren stimmt die Bundesregierung den aufgeführten Argumenten des Zentralrates der Juden und dem ZMD zu. Die Argumente werden aufgegriffen und kurz erläutert. Es wird eine Studie angeführt der WHO; die besagt, dass die Beschneidung die Gefahr vor Infektionskrankheiten, wie AIDS, senken kann.

Abschließend ist zu sagen, dass es viele Reaktionen auf dieses Urteil gab und alle entweder dafür oder dagegen waren, bis auf die Bundesregierung, die versuchte es allen Recht zu machen und zu beruhigen.

Die Medien trugen ihren Teil zu dieser Diskussion bei und ließen die verschiedenen Standpunkte aufeinander prallen in einer überhitzen und populistischen Diskussion.

 

Michael Senger 

 


[1] http://www.zentralratdjuden.de/de/article/3705.html (letzter Zugriff am 07.03.13)

[2] http://www.zentralratdjuden.de/de/article/3705.html (letzter Zugriff am 07.03.13)

[3] http://zentralrat.de/20584.php (letzter Zugriff am 08.03.13)

[4] http://zentralrat.de/20584.php (letzer Zugriff am 08.03.13)

 

Recht auf Unversehrtheit versus Recht auf Erziehungsfreiheit

Die Debatte um die Beschneidung von Knaben im Judentum und im Islam ist auch eine Debatte darüber, welchem Grundrecht, welchem Interesse der deutsche Staat Vorrang gibt. Unter anderem steht das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit dem Recht auf Erziehungsfreiheit gegenüber.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sieht in Artikel 2, Absatz 2 folgendes vor:

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden. [1]

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht in Artikel 6, Absatz 2:

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. [2]

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit untersagt Eingriffe, durch die das körperliche Wohlbefinden und die körperliche Integrität beeinträchtigt werden. Die Frage in der Debatte um die Beschneidung von Knaben ist, ob die Beschneidung das körperliche Wohlbefinden und die körperliche Integrität der Knaben beeinträchtigt.  Die Meinungen teilen sich in diesem Punkt. Befürworter sehen die körperliche Integrität der Knaben durch die Beschneidung nicht angegriffen, da die Jungen keinen Schaden davon tragen würden.  Gegner der Beschneidung sehen die körperliche und geistige Unversehrtheit beeinträchtigt, indem ein Eingriff vorgenommen wird, der den Körper der Knaben für ihr Leben zeichnet und verändert.

Wenn die Beschneidung von Knaben als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit gewertet wird, dann ist zu überprüfen, ob es eine Erlaubnis für die Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit gibt. Die Erlaubnis kann die Einwilligung in die Beschneidung durch die Eltern sein, denn diesen steht das Recht zu, das Kind nach eigenen Vorstellungen zu erziehen. Eltern haben die Freiheit religiöse Vorstellungen und die Befolgung religiöser Gebote mit in die Erziehung einzubeziehen.

Jedoch ist das Recht der Eltern auf Erziehungsfreiheit eingeschränkt durch Gesetze, die das Kindeswohl schützen. Im Falle der Gefährdung des Kindeswohls, tritt das Recht der Eltern auf Erziehungsfreiheit außer Kraft, da das Kindeswohl im Verhältnis zum Elternrecht Vorrang hat. Eltern müssen zum Wohl ihres Kindes handeln, aber es ist nicht eindeutig bestimmt, ob die Zirkumzision das Kindeswohl gefährdet.

Hinzu kommt das Recht des Kindes auf Selbstbestimmung. Es ist selbstverständlich, dass Kinder durch ihr soziales Umfeld, Familie und Erzieher sozialisiert werden. Erwachsene beeinflussen die Kinder in ihrer Lebensweise, in dem Entwickeln von ihrem Weltbild, ihren Ansichten, ihren Essensgewohnheiten und vielem mehr. Eltern treffen Entscheidungen für ihre Kinder und tun dies in der Regel mit dem Gedanken das Beste für ihr Kind zu wollen. Auch im Falle der Beschneidung treffen Eltern die Entscheidung für das Kind. Das Kind kann nicht selber bestimmen, was mit seinem Körper geschieht.

Es ist zu entscheiden, ob die körperliche Unversehrtheit der Knaben durch die Beschneidung beeinträchtigt wird und ob in jenem Fall das Recht auf Erziehungsfreiheit außer Kraft gesetzt wird.

 

Carina Bangert

Analyse der Rechtslage vor und nach dem Kölner Urteil

Rechtslage vor dem Kölner Urteil vom 7.Mai 2012

Die medizinische Beschneidungsdebatte gibt es schon länger. Fakt ist, dass es Ärzte gibt, die die Beschneidung aufgrund des hippokratischen Eids schon lange nicht mehr vornehmen. Unter Rechtswissenschaftlern sorgte der 2008 im Ärzteblatt erschiene Artikel „Zirkumzisionen bei nicht einwilligungsfähigen Jungen: Strafrechtliche Konsequenzen auch bei religiöser Begründung“1 für Aufsehen. Darin kam Holm Putzke, Professor für Strafrecht an der Uni Passau, zu demselben Schluss wie das Kölner Landgericht. Putzke nahm an vielen öffentlichen Debatten teil und fragte sich, warum ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes und bestehende Risiken des Eingriffs bisher bagatellisiert wurden. Denn formal stellt die Beschneidung, wenngleich keine schwere, aber eine einfache Körperverletzung dar, weil ein Skalpell, das ein Arzt führt, nicht als Waffe gilt (§223 StGB). Putzke fordert jedoch kein Verbot der Beschneidung, sondern eine Verschiebung bis zum 14. Lebensjahr, wenn eine uneingeschränkte Religionsmündigkeit besteht. Allerdings behauptet er, dass das Strafrecht hier das Falsche sei.

Schwierig ist die Klärung der Beschneidungsfrage deshalb, weil es hier um eine Grundrechtsabwägung geht. Ein Grundrecht darf nämlich nur dann durch ein anderes Grundrecht überstimmt werden, wenn es dazu ein Gesetz gibt. Die Richter des Kölner Landgerichtes haben das Grundrecht auf Religionsfreiheit (Art.4,1-2 GG), das Elternrecht (Art.6,2 GG) und das Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art.2,2 GG) gegeneinander abgewogen und befanden das Letztere als das Wichtigste. Aber man findet in Juristenkreisen auch die umgekehrte Meinung, wie sie beispielsweise von Edward Schramm und Hans M. Heinig vertreten wird2. Auch die Frage der Religionsfreiheit ist problematisch. Sie meint zunächst die freie Religionsausübung. Was ist sie ferner? Ist Religionsfreiheit die Freiheit der Religion, also das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinde oder die Freiheit von Religion, also das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen?

10. Oktober: Das Kabinett billigt den Gesetzesentwurf

Der Gesetzesentwurf sieht eine Ergänzung des BGB um §1631d vor: Der Eingriff wird weiterhin unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt bleiben. Damit wird die bestehende Rechtsunsicherheit beseitigt. Erstens müssen die Eltern – nach einer Belehrung über mögliche Risiken – der Beschneidung ihres Sohnes zustimmen. Die Motivation für die Beschneidung ist dabei unwichtig. Zweitens muss der Eingriff ,,nach den Regeln der ärztlichen Kunst“3 erfolgen. Das Kindeswohl wird in diesem Gesetzesentwurf nicht näher erläutert.

28. Dezember: Das neue Beschneidungsgesetz tritt in Kraft

Das Beschneidungsgesetz gilt für Jungen, bei denen eine Beschneidung aus medizinischen Gründen nicht notwendig ist und die zu jung sind, um diesem Eingriff selbst zuzustimmen. In diesem Fall haben die Eltern das Recht zu entscheiden. Diese dürfen ihre Kinder „grundsätzlich frei von staatlichen Eingriffen nach eigenen Vorstellungen“4 erziehen und ihnen religiöse Überzeugungen vermitteln.                     Wer darf beschneiden? Nach dem Gesetz dürfen sowohl Ärzte als auch religiöse Beschneider den Eingriff vornehmen. Letztere müssen speziell ausgebildet sein und dürfen nur Säuglinge beschneiden, die nicht älter als sechs Monate sind.                 Wie wird das Kindeswohl berücksichtigt? Die Beschneidung muss nach den medizinischen Richtlinien mit so wenig Schmerzen wie möglich, im Zweifel mit örtlicher Betäubung oder Narkose, durchgeführt werden. Falls das Wohl des Kindes gefährdet ist, beispielsweise wenn es krank ist, ist die Beschneidung verboten.

Naeem Ahmed Sheikh

 

1http://www.aerzteblatt.de/archiv/61273/Zirkumzision-bei-nicht-einwilligungsfaehigen-Jungen-Strafrechtliche-Konsequenzen-auch-bei-religioeser-Begruendung              2Dossier des Zentralrats der Juden in Deutschland zum Thema Beschneidung         3http://www.sueddeutsche.de/politik/gesetzentwurf-kabinett-bringt-gesetz-zur-beschneidung-auf-weg-1.1491979 4http://www.tagesschau.de/beschneidungsgesetz106.html

Eine religionswissenschaftliche Betrachtung der Beschneidung im Judentum und Islam

Als im letzten Sommer 2012 die Debatte über die Beschneidung an männlichen Säuglingen ausbrach, wurde dieses Thema hauptsächlich mit dem Judentum und dem Islam in Verbindung gebracht. Seit Jahrtausenden wird die religiöse Beschneidung an muslimischen und jüdischen Jungen vorgenommen. Warum wird die Beschneidung  durchgeführt? Wann wird ein Säugling beschnitten? Wer ist für die Durchführung berechtigt? Im folgendem Artikel wird die Bedeutung der Beschneidung in diesen beiden Religionen erläutert.

Die jüdische Beschneidung geht auf den Stammvater Abraham zurück, der einen Bund mit Gott schloss. Gott versprach Abraham ein großes Volk, im Gegenzug erwartete Gott von Abraham und seinen Nachkommen, ausschließlich ihn anzubeten. Als Eintritt in den Bund wird die Beschneidung an männlichen Neugeborenen  vorgesehen.

So heißt es in der hebräischen Bibel: „Dies ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Geschlecht nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden.“1

Erst, wer in den Bund eintritt, wird in der jüdischen Gemeinde, die dieses Gebot auch ausführt, akzeptiert. Nicht alle Juden praktizieren das Beschneidungsgebot, da einige der Meinung sind, dass ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde und ihr Glauben an die jüdischen Lehre nicht von der Beschneidung abhingen.2

Dieses Ritual wird im Judentum höher geschätzt als jedes andere Fest, da dieser Bund und somit auch die Beschneidung das Fundament des Judentums bilden. Die Einheit und Gemeinschaft unter den Juden wird dadurch zum Ausdruck gebracht. Im Judentum ist der achte Tag für die Beschneidung verbindlich, selbst wenn der achte Tag auf einen Feiertag fällt. Die Beschneidung kann hauptsächlich nur dann verschoben werden, wenn der Säugling oder die Mutter gesundheitlich nicht stabil sind.

Die Beschneidung wird traditionell von einem Mohel, dem jüdischen Beschneider, durchgeführt, der für diesen Eingriff ausgebildet ist. Laut der jüdischen Gemeinschaft  wandeln sich auch die medizinischen Instrumente mit der Zeit und die Technik und Hygiene passen sich der modernen Zeit an, so dass ein Kind unter den bestmöglichen medizinischen Bedingungen beschnitten wird.

Nicht nur jüdische Säuglinge werden beschnitten, sondern auch für Konvertiten ist die Beschneidung eine Verpflichtung, da sie sonst nicht in den Bund mit Gott eintreten können.

Im Islam wird die Beschneidung ebenfalls wie im Judentum auf die Tradition Abrahams zurückgeführt. Im Koran wird nicht explizit erwähnt, dass die Beschneidung an Jungen vorgenommen werden soll. Der einzige Koranvers, der auf die Beschneidung hinweisen könnte, ist in der Sura 3 zu finden:

„Sprich: Allah hat die Wahrheit gesprochen; folget darum dem Glauben Abrahams, dem Aufrichtigen; er war kein Götzendiener.“3

Nun sehen einige Muslime die Beschneidung lediglich als eine Empfehlung an, während andere islamische Strömungen die Beschneidung als eine Verpflichtung auffassen. Die Verpflichtung wird durch die Sunna und die Hadith bestärkt:

„Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Zur Fitra (natürlichen Veranlagung) gehören fünf Dinge: Die Beschneidung (der Männer/Jungen), das Abrasieren der Schamhaare, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel, das Auszupfen (bzw. Rasieren) der Achselhaare und das Kurzschneiden des Schnurrbarts.“ 4

Im Gegensatz zum Judentum wird im Islam nicht ein genauer Zeitpunkt zur Beschneidung festgelegt. Die Jungen sollen im neugeborenen Alter oder zumindest im Kindesalter beschnitten werden. Für die Beschneidung wird ebenfalls ein Sachkundiger ausgewählt,   der nicht wie im Judentum ein Mitglied der Gemeinde sein muss. Es gibt keine Einschränkung bezüglich der Religion oder des Geschlechts. Der Beschneider muss lediglich fachlich geschult sein.

Anders als im Judentum sind Männer, die zu einer islamischen Strömung konvertieren, die die Beschneidung als verpflichtend erachten, nicht an diese Verpflichtung gebunden.

Huma Ahmad


1   (Gen. 17; 10).

2   Israel News: Haaretz Daily Newspaper, June 14, 2012.

3   (Sura 3, Vers 96)

4   Sahih Muslim: Buch 2, Nummer 495, 496